Damit die Erinnerung nicht verblasst
Datum: 20.03.2010 Quelle: MT
Schüler polieren Stolpersteine, mit deren Hilfe ermordeter Juden gedacht wird / Pflegepatenschaft übernommen VON ULRICH WESTERMANN
Petershagen (Wes). Die Jungen und Mädchen der Klasse 10 A1 der Hauptschule Petershagen waren in der Altstadt mit Eimern, Bürsten und Putzlappen unterwegs. Die Reinigungsaktion galt den "Stolpersteinen".
 Nach der Reinigungsaktion der Hauptschulklasse ist der Text auf den Messingplatten wieder gut sichtbar.
Die elf Steine hat der Künstler Gunter Demnig (Köln) auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft "Alte Synagoge Petershagen" im Juni 2009 an der Mindener Straße verlegt. Die 21 Zehntklässler und ihr Lehrer Richard Stellhorn übernahmen die Pflegepatenschaft für die zehn mal zehn Zentimeter großen und mit Messingplatten ausgestatteten Betonsteine.
Die Steine stellen kleine Denkmäler dar, mit denen an die jüdischen Einwohner aus Petershagen erinnert wird, die von den Nationalsozialisten deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet wurden.
"Einige Messingplatten hatten sich durch Witterungseinflüsse so verfärbt, dass sie wie ihr Umfeld aussahen. Obwohl wir wussten, an welchen Häusern oder Straßeneinmündungen die Steine verlegt wurden, haben wir einige nicht sofort entdeckt. Sie waren sehr dunkel geworden", berichtet Ayla aus der 10 A1.
Die Jugendlichen nahmen ihre Patenschaftsaufgabe in vier Gruppen in Angriff. Nach der Grundreinigung stand eine Metallpolitur zur Verfügung, mit der die Messingplatten wieder auf Hochglanz gebracht wurden.
Eine Station war der Gehweg vor dem Gebäude von Erich-Günter und Anneliese Fischer, nicht weit von der Einmündung Mindener Straße/Hohoffstraße entfernt. In dem Haus an der früheren Hindenburgstraße hat Frieda Poli gewohnt, die 1942 nach Theresienstadt deportiert worden ist. Sie starb in Treblinka. Auch ihre Kinder und Enkel sind mit einer Ausnahme umgekommen.
Weitere Steine wurden an der Mindener Straße in der Nähe der Schifferstraße und Goebenstraße und der Alten Fährstraße verlegt. Sie erinnern an die Familien Devries und Oppenheim sowie an Therese Jacob und Erich Hertz.
Der Arzt Dr. Moritz Oppenheim hat sich in Petershagen kommunalpolitisch und sozial engagiert. Er war Stadtverordneter und Armenarzt der Gemeinde. Im Jahr 1938 wurde ihm wie allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Mit seiner Ehefrau Hanna musste er 1941 das Wohnhaus an der Mindener Straße verlassen. Es folgte die Umquartierung in das sogenannte "Judenhaus".
Im Alter von 72 Jahren wurde Oppenheim mit seiner Ehefrau im Juli 1942 von Petershagen über Bielefeld nach Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 5. Oktober 1942.
Hanna Oppenheim kam in das Konzentrationslager Auschwitz. Dort wurde sie am 29. Januar 1943 für tot erklärt.
Am Sonntag werden weitere Steine verlegt Klassenlehrer Richard Stellhorn berichtet, dass sich die Schüler auch inhaltlich mit dem Thema "Opfer im Nationalsozialismus" beschäftigen. Die Menschen, an die die Stolpersteine erinnern, werden im Geschichtsunterricht in Kurzreferaten vorgestellt. "Niemand in Petershagen und Umgebung soll diese schrecklichen Taten, die sich vor etwa 70 Jahren ereignet haben, vergessen", bekräftigt Stellhorn. In Kürze steht der Besuch des Petershäger Informations- und Dokumentationszentrums zur jüdischen Orts- und Regionalgeschichte im Synagogengebäude in der Goebenstraße auf dem Stundenplan.
Am Sonntag, 21. März, werden die nächsten Stolpersteine in der Innenstadt (Hauptstraße und Mindener Straße) verlegt. Die Teilnehmer treffen sich um 11.30 Uhr auf dem Vorplatz des Alten Amtsgerichts. Um 10.30 Uhr beginnt in der Petrikirche ein Gottesdienst zum Thema Stolpersteine.
|